Die kirchliche Inquisition: Mythos und Wahrheit

 

 

Für die Autoren zahlreicher Mittelalter-Romane ist sie ein beinahe unumgänglicher Faktor im dramaturgischen Aufbau ihrer Werke: Die Inquisition. Für Mittelalterfreunde bedeutet dieses Wort Spannung sowie ein prickelndes Schaudern, wenn ihnen in Büchern und Filmen oder beim Besuch von Burgen und Mittelalterfesten inquisitorische Praktiken verdeutlicht werden. Linkspolitischen Agitatoren wiederum dient das Grauen der Inquisition bis heute als willkommenes Argument zur Bekämpfung des Christentums – wobei sie freilich übersehen, dass Kommunismus, Maoismus und Co. mit Andersdenkenden keineswegs menschenfreundlicher umspringen, als dereinst die mittelalterliche Kirche mit sogenannten Ketzern.

 

Entstehung und Bedeutung der Inquisition

 

Befreit man die Betrachtung der historischen Inquisition einmal von ideologischer Einfärbung, so ergibt sich das Bild einer Institution, deren Aufstieg und Niedergang parallel zur Bindungsintensität der Religion an die weltliche Macht verläuft.

 

Das Wort Inquisition bezeichnet im ursprünglichen Sinn lediglich „Untersuchung“. Rechtswidrige Tatsachen religiöser oder politischer Natur sollten dabei ermittelt werden. In der frühen Kirche beispielsweise zog die Untersuchung abweichender Glaubensauffassungen nur rein geistliche Zuchtmittel nach sich wie Bußübungen, Aberkennung kirchlicher Ämter oder schlimmstenfalls die Exkommunizierung.

 

Selbst nach der unheilvollen Verquickung von Staat und Kirche kamen überführte Abweichler zunächst mit zwar empfindlichen, jedoch keineswegs lebensbedrohlichen Strafen davon. Zunehmend definierte die weltlich-religiöse Allianz „ketzerische“ Handlungsweisen jedoch auch als staatsfeindliche Verfehlungen. Die bislang frühesten Belege für Hinrichtungen von "Ketzern" stammen aus dem elften Jahrhundert. Zunächst wurde das Todesurteil durch Erhängen vollzogen. Als man später eine Wiederkehr ketzerischer Seelen befürchtete, kam jedoch der heute allseits bekannte Scheiterhaufen zur Anwendung.

 

Durchführung inquisitorischer Befragungen

 

Endgültig zur institutionellen Einrichtung wurde die Inquisition im 13. Jahrhundert. Seit der Amtszeit von Papst Innozenz IV. (1243 - 1254, sein Name bedeutet ausgerechnet „Der Unschuldige“) galt die Folter als legitimes Untersuchungsmittel. Die Aussage, dass die Kirche unzählige Menschen gefoltert und umgebracht habe, ist im wortwörtlichen Sinn allerdings falsch: Folterungen und die nicht zwangsläufig folgenden Hinrichtungen waren Aufgabe der weltlichen Machthaber, allerdings im Beisein kirchlicher Würdenträger.

 

Obwohl ein Großteil der damaligen Mönchsorden in inquisitorische Praktiken eingebunden war, taten sich dabei vor allem die Dominikaner besonders hervor, deren Orden 1216 während der Auseinandersetzung mit den "ketzerischen" Waldensern gegründet wurde. Aufgrund ihrer Tätigkeit erhielten die Ordensbrüder schnell die lateinische Bezeichnung für "Hunde des Herrn" (domini canes) zum Spitznamen.

 

Vor Beginn der eigentlichen Folter wurden dem Beschuldigten die beabsichtigten Torturen erklärt, um ihn zu einem „freiwilligen“ Geständnis zu bewegen. Tat er dies nicht, erfolgte die Folter in festgelegten Abstufungen. Vorgesehen war, dass jede Foltermethode nur einmal angewandt werden durfte. Findige Inquisitoren jedoch definierten die Wiederholung gewisser Torturen kurzerhand als Fortsetzung...

 

Hexenprozesse und Autodafes: Die dunkelsten Kapitel der Inquisition

 

Besonders während der Bekämpfung „ketzerischer“ Sekten (Katharer, Waldenser u. a.) im 12./13. Jahrhundert sowie während der europaweiten Reformationsbewegungen (Lollarden, Hussiten, Luther, Zwingli usw.) im 15. und 16. Jahrhundert kam es zur groß angelegten Verfolgung von Andersdenkenden. Papst Innozenz VIII. (schon wieder ein „Unschuldiger“) tat sich dabei besonders hervor. Er verfügte durch die Bulle „Summis desidarentes affectibus“ die Ermittlung und Vernichtung sämtlicher Ketzer. Als solche galten mittlerweile nicht nur Leute mit abweichender Glaubenslehre. Die Angst vor angeblichen Teufelsanbetern, Zauberern und Hexen bewirkte, dass nun nahezu jeder Mensch von der Inquisition bedroht war.

 

                           

Während der Amtszeit von Innozenz VIII. entstand 1484 bis 1486 / 87 zudem ein wortwörtlich teuflisches Buch: Der sogenannte „Hexenhammer“ fasste die aus Folterungen und „Zeugenaussagen“ ermittelten Indizien teuflischer Attribute bzw. Handlungen zusammen und diente damit als Arbeitsgrundlage bei der Aufspürung von Hexen und Zauberern. Verfasser des Machwerkes waren die beiden Dominikaner Jakob Sprenger und Heinrich Institor.

 

Weite Teile Europas waren vom Hexenfieber infiziert. In Spanien und Portugal bewirkte der Dauerkonflikt mit maurischen Moslems im Süden der Iberischen Halbinsel sogar eine wahrhafte Hysterie. Massenhinrichtungen von angeblichen Teufelsanbetern und „Ketzern“, sogenannte Autodafes, trugen dabei den Charakter regelrechter Volksfeste.

 

Die Inquisition in der heutigen Bewertung

 

Über die Gesamtanzahl der Opfer des europäischen Hexenwahns gibt es allerdings sehr widersprüchliche Ansichten. Frühere Schätzungen propagierten mehrere Millionen Hinrichtungen, was aufgrund der mittelalterlichen Bevölkerungsdichte jedoch recht gewagt erscheint. Daher geht eine populärwissenschaftliche Theorie aus neuerer Zeit von „nur“ rund hunderttausend Fällen aus, was aber ebenfalls kontrovers diskutiert wird.

 

Längst nicht alle Prozesse gegen angebliche Hexen und Magier entsprangen abergläubigen Vorstellungen. Wie in modernen Zeiten auch, wurde dieses Justizinstrument mehr als einmal missbraucht, um unliebsame Zeitgenossen, Konkurrenten oder Gegner aus dem Wege zu räumen. Eines der bekanntesten Opfer dieser Art war die Augsburgerin Agnes Bernauer. Das bürgerliche Mädchen hatte 1432 heimlich den bayerischen Herzog Albrecht III. geheiratet. Drei Jahre später klagte der Vater des Herzogs sie deshalb als Zauberin an und ließ sie in der Donau ertränken.

 

Trotz aller Gräueltaten brachten die Inquisition in juristischer Hinsicht auch einen Fortschritt mit sich. Als Neuerung hielt das heute selbstverständliche Beweisverfahren Einzug: Die gefällten Urteile stützten sich auf erbrachte Beweise, obwohl deren Echtheitsgrad aufgrund der Folter natürlich nicht sehr hoch war. (Zuvor hatte man sich der noch aus dem fränkischen Reich stammenden Eideshelfer-Praxis bedient: Wer die meisten Zeugen hatte, dessen Aussage galt als wahr.)

 

Vatikanische Glaubenskongregation: Die moderne Inquisition

 

Auch in den protestantischen Glaubensrichtungen wurden inquisitorische Hexenverfolgungen praktiziert. Die überwiegende Mehrzahl der Fälle endete allerdings nicht mit Hinrichtungen. Nach dem Ende des 30-jährigen Krieges ging die Zahl der Inquisitionsopfer proportional zum Auseinanderdriften weltlicher und geistlicher Machtausübung zurück. Die letzten europäischen Hexenverbrennungen fanden dennoch erst im 19. Jahrhundert statt.

 

Die institutionelle Einrichtung Inquisition lebt in einer zivilisierteren Variante jedoch weiter. Nach mehreren Namenswechseln trägt sie seit 1965 den Namen „Kongregation für die Glaubenslehre“. Das meist kurz „Glaubenskongregation“ genannte Gremium aus hochrangigen Kirchenvertretern überprüft nunmehr neue Lehrmeinungen auf inhaltliche Vereinbarkeit mit dem Katholizismus. Selbst besonders opportunistische Gottesmänner haben seitdem schlimmstenfalls innerkirchliche Disziplinarmaßnahmen zu befürchten, so beispielsweise der bekannte Theologe Hans Küng. Zeitgleich bekannte sich die katholische Kirche im Zweiten Vatikanischen Konzil zur Gewissens- und Glaubensfreiheit. Die ehemalige Inquisition ist somit zu ihren Wurzeln zurückgekehrt. Bisher prominentester Leiter der Glaubenskongregation war von 1981 bis 2005 ein gewisser Kardinal Ratzinger, heute besser bekannt als Papst Benedikt XVI.